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Nordkurier 19./20. November 2011: Von unserem Redaktionsmitglied Dieter Menzel Hausärzte werden selbst zum Behandlungsfall
Patienten müssen beim Besuch ihres Hausarztes nicht selten stundenlange Wartezeiten in Kauf nehmen. Das liegt nicht nur an der ersten beginnenden Erkältungswelle des Winters, die langsam übers Land schwappt. Der Region fehlen Hausärzte, landesweit 162. Seenplatte.Bereits schon jetzt gebe es in Neubrandenburg „5 offene Hausarztstellen, im Altkreis Mecklenburg-Strelitz sind es 14 und in der Müritz-Region, einschließlich Waren, haben wir 12 offene Hausarztstellen“, rechnet Oliver Kahl, Hauptabteilungsleiter der Kassenärztlichen Vereinigung MV auf Nachfrage des Nordkurier auf. Lediglich im Bereich Demmin gebe es keine Defizite bei der Besetzung der Hausarztstellen. In fünf Jahren könnte sich die Situation allerdings viel dramatischer entwickeln. Man geht davon aus, dass dann in Mecklenburg-Strelitz nur noch 57 Prozent der möglichen Hausarztstellen besetzt sind, in Neubrandenburg 81 und in der Müritz-Region 69. In Neubrandenburg gibt es schon jetzt Hausärzte, die vergeblich nach einem Nachfolger suchen. Tatsächlich ist die Ursache des Hausarztmangels nicht in einer unzureichenden Vergütung zu suchen, bestätigt die Kassenärztliche Vereinigung. Die Ärzte in Mecklenburg- Vorpommern erhalten im Bundesvergleich hohe Honorare. Grundsätzlich gebe es aufgrund der Bevölkerungsentwicklung einen steigenden Bedarf an Ärzten, heißt es. Negativ wirke sich aus, dass ein Fünftel der Medizin-Studenten das Studium nicht abschließt. Hinzu komme, dass sich immer mehr Ärzte für einen Einsatz im Ausland entscheiden, allein in den vergangenen 10 Jahren sind etwa 20 000 Mediziner abgewandert. Es seien aber die Rahmenbedingungen die den Arztberuf unattraktiv und teilweise sogar abschreckend machen, sind sich Mediziner einig. Arzneimittelbudget und pauschale Vergütungen setzten Fehlanreize, beklagen nicht wenige Hausärzte. Die Behandlung Gesunder werde belohnt, die Behandlung Kranker dagegen bestraft, denn wer möglichst viele Patienten behandelt, die möglichst wenige Leistungen beanspruchen, erhalte ein hohes Honorar, so lauten die gegenwärtigen gesetzlichen Vorgaben. Überhaupt werde die gesamte ärztliche Tätigkeit, wie Behandlungsleistungen, verordnete Arzneimittel und Überweisungen, vielen Kontrollen unterworfen. Ärzte sehen sich der ständigen Gefahr ausgesetzt, für vermeintlich zu unrecht veranlasste Ausgaben in die Haftung genommen zu werden, bis zu Regressforderungen in existenzvernichtender Höhe. Zudem müsse ein Mediziner ein Drittel der Arbeitszeit aufwenden, um die regelrechte Formularflut zu bewältigen, vom Krankenschein bis zum Kurantrag sind etwa 50 Vordrucke zu verwenden. Wenn dann unattraktive Rahmenbedingungen zusätzlich zu der ohnehin hohen Belastung der Hausärzte kämen, werde es immer schwieriger, gerade für Problemstandorte auf dem Lande, wie zum Beispiel Woldegk, Ärzte zu gewinnen. Eine immer größere Rolle bei Entscheidungen junger Ärzte sich niederzulassen, spielen die sogenannten „weichen Standortfaktoren“, meint der Geschäftsführer des Neubrandenburger Ärztehaues Gernot Kunzemann. „Das sind sehr gute Wohnbedingungen, gut erreichbare Schulen für die Kinder, Kultur- und Erholungsmöglichkeiten.“ Einige niedergelassene Ärzte kümmern sich aktiv um den Nachwuchs, indem sie beispielsweise in akademischen Lehrpraxen Studenten ausbilden und an den Universitäten Lehrveranstaltungen abhalten. „In der Mecklenburgischen Seenplatte sind es aber noch zu wenig Praxen, die sich hieran beteiligen“, sagt Dr.Victor Harsch, Neubrandenburger Hausarzt, der selbst als Lehrarzt tätig ist. Um kurzfristig die Situation zu entspannen will die Kassenärztliche Vereinigung gemeinsam mit den Kommunen Defizite beheben, die Ärzte davon abhalten sich nieder zu lassen. Kunzemann ist überzeugt, dass zum Beispiel in Neubrandenburg durch bessere Organisation des Hausarztsystems, zum Beispiel des Hausbesuchsdienstes, eine Entspannung erreicht werden könne. Auch Dr.Harsch bestätigt, dass es im ambulanten Bereich auf verschiedenen Ebenen Optimierungsbedarf gibt, nicht zuletzt beim Hausbesuchsdienst: Patienten aktivieren zum Teil wegen banaler Erkrankungen den Hausbesuchsdienst, um nicht in Praxen lange Wartezeiten in Kauf zu nehmen. Die Kassenärztliche Vereinigung prüft auch Möglichkeiten, um Ärzte aus dem benachbarten Ausland anzuwerben. Schon jetzt sind 12 polnische Ärzte vertragsärztlich tätig. Grundsätzlich müsse aber die Politik die Rahmenbedingungen für den Arztberuf attraktiver gestalten, heißt es übereinstimmend von Medizinern und Berufsverbänden. Sonst gerate das ganze Vertragsarztsystem in akute Gefahr, es sei ohnehin schon ein Behandlungsfall.
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